Tagungen
Am Ende der gefräßigen Zeit?
Der Bad Herrenalber Akademiepreis 1994
geht an den Münchner Theologen Hermann Timm
Bad Herrenalber Akademiepreis

Der evangelische Theologe und Philosoph Professor Dr. Dr. Hermann Timm (München) ist der diesjährige Preisträger des interdisziplinären "Bad Herrenalber Akademiepreises". Die Jury des "Freundeskreis der Evangelischen Akademie" würdigt damit den Vortrag "Am Ende der gefräßigen Zeit. Die Heimkehr der Religionstopik", den Timm im vergangenen Jahr anläßlich einer Akademietagung über Zeiterfahrung in der ökologischen Krise hielt.

Bisherige Preisträger des alljährlich vergebenen "Bad Herrenalber Akademiepreises" waren der Journalist und Philosoph Dr. Jürgen Werner (Frankfurt) 1992 und der katholische Theologe Dr. Urs Baumann (Tübingen) 1993. Ziel des vom "Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden e. V." mit 3.000 DM dotierten Preises ist es, "das Gespräch zwischen Kirche und Gesellschaft, insbesondere zwischen Theologie und den anderen Wissenschaften, zu fördern und zur Orientierung zu helfen". Die Preisverleihung 1994 findet im Rahmen des diesjährigen Akademiefestes am 3. Juli in Bad Herrenalb statt.

In dem jetzt ausgezeichneten Beitrag kritisiert Timm eine Welt, die "reine Zeitmenschen" erzeugt, die "zu permanentem Fortschritt verurteilt sind". Längst seien wir an die Grenzen unserer Jet-Set-Mentalität angekommen. Als mögliche Antwort auf die ökologische Krise empfiehlt Timm, der Zeit "mit Verlangsamungsmitteln zu begegnen". Das fange an beim "Tempolimit auf den Straßen" oder "bei Altstadtsanierungen" und ende mit einem neuen Bewußtsein für das "Bewahren der Tradition". Dazu sei es notwendig, unseren "Ortsinn zu sensibilisieren". Nach Ansicht Timms ist das Zeitalter des "Chronos" (Zeit) am Ende und wir stehen vor einem neuen Zeitalter des "Topos" (Raums). Eine solche Rückbesinnung sei als Chance zu verstehen, die "Wohnlichkeit des Lebens" auf unserem Planeten Erde wiederentdecken, statt dauernd der Zeit nachzueilen.

Professor Dr. theol. Dr. phil. Hermann Timm wurde am 21. Mai 1938 in Sieseby an der Schlei (Kreis Eckernförde) geboren; Studium der evang. Theologie und der Philosophie in Kiel, Berlin, Göttingen und Heidelberg; Promotion in Heidelberg, Habilitation für das Fach Systematische Theologie 1976 (Heidelberg), apl. Professor in Heidelberg 1982; Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität München seit 1987. Zahlreiche Buchverröffentlichungen, zuletzt u.a. "Das ästhetische Jahrzehnt. Zur Postmodernisierung der Religion (1990), Geerdete Vernunft. Von der Lebensfrömmigkeit des Okzidents (1991); Wahr-Zeichen. Angebote zur Erneuerung religiöser Symbolkultur (1993).

Der ausgezeichnete Beitrag ist in dem Band "Die Kunst, das Zeitliche zu segnen. Zeiterfahrung in der ökologischen Krise", in der Reihe "Herrenalber Forum" Band 4, Evangelischer Presseverband für Baden: Karlsruhe 1993, erschienen.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 24. Februar 1994

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