Von den Hintergründen
nichtkirchlicher Religiosität |
Der Soziologe Professor Dr. Michael N. Ebertz ist der diesjährige Preisträger des interdisziplinären "Bad Herrenalber Akademiepreises". Die Jury des "Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden e.V." würdigt damit einen Vortrag des an der Katholischen Fachhochschule Freiburg lehrenden Soziologen zum Thema "Gründe und Hintergründe nichtkirchlicher Religiosität". Ebertz hielt den Vortrag auf der Tagung "Glauben ohne Kirche", die gemeinsam von der Evangelischen Akademie Baden und der Katholischen Akademie Freiburg veranstaltet wurde.
Ziel des seit 1992 vom Akademiefreundeskreis verliehenen und mit 3.000 DM dotierten "Bad Herrenalber Akademiepreises" ist es, "das Gespräch zwischen Kirche und Gesellschaft, insbesondere zwischen Theologie und den anderen Wissenschaften, zu fördern und zur Orientierung zu helfen". Offiziell wird der Preis im Rahmen des diesjährigen Akademiefestes am 23. Juli in Bad Herrenalb verliehen.
In dem ausgezeichneten Beitrag beschreibt Ebertz die zunehmende kulturelle Pluralisierung, die zu einer "Konkurrenz der Lebens- und Weltanschauungen" führe. Der Trend zur Individualisierung der Lebensführung vertiefe die "Erosion von Glaubensinhalten". Kirchliches Denken und Handeln erlebe damit einen fortschreitenden Verlust an gesellschaftlichem Rückhalt und büße seine "Selbstverständlichkeit und Verbindlichkeit ein". Dieser Verlust von Kirchlichkeit in der breiten Öffentlichkeit könne auch innerkirchlich nicht kompensiert werden. Die Frage nach dem rechten Glauben und der Kirchlichkeit selbst werde zum "Objekt binnenkirchlicher Interessen- und Statusgruppen". Damit sinken aber die Chancen, "sich mit kirchlichen Religionsmustern zu identifizieren" und so "die Auslegung und Anweisungen seines eignen Lebens zu begründen".
Professor Dr. Michael N. Ebertz (geb. 1953 in Offenbach a. Main), hat an der Universität Konstanz über die "Soziologie der Bewegung um Jesus von Nazareth" promoviert. Seit 1991 ist Ebertz Professor für "Sozialpolitik, freie Wohlfahrtspflege und kirchliche Sozialarbeit" an der Katholischen Fachhochschule Freiburg.Sein religionssoziologisches Forschungsinteresse konzentriert sich auf institutionelle Wandlungsprozesse der Kirchen. In zahlreichen Veröffentlichungen hat er sich u.a. zu den gesellschaftlichen Bedingungen und Herausforderungen kirchlichen Handelns geäussert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Religions-, Christentums- und Kirchen(organisations)soziologie.
Ralf Stieber, Bad Herrenalb, den 6. September 1992