Tagungen
Gegen ideologische Scheuklappen
Der Germanist Günter Scholdt erhält den Akademiepreis 1996
Bad Herrenalber Akademiepreis

Preisträger des interdisziplinären "Bad Herrenalber Akademiepreises" wird in diesem Jahr der Germanist Priv. Doz. Dr. Günter Scholdt (Saarbrücken). Die Jury des "Freundeskreis der Evangelischen Akademie" würdigt damit den Vortrag "Deutsche Literatur und 'Drittes Reich' - Eine Problemskizze", den Scholdt im vergangenen Jahr anläßlich einer Werner-Bergengruen-Tagung hielt. Die Preisverleihung 1996 findet im Rahmen des diesjährigen Akademiefestes am 21. Juli im Kursaal von Bad Herrenalb statt.

In dem ausgezeichneten Beitrag setzt sich Scholdt mit dem "ebenso verbreiteten wie bekrittelten Drei-Lager-Schema" NS-Literatur, Exilliteratur und Literatur der "Inneren Emigration" auseinander. Scholdt weist die Germanistik auf die Ausklammerung vieler Wertungsfragen der Literatur im "Dritten Reich" hin. Er kritisiert insbesondere eine flächendeckend bezeugte Offizialmoral", der "so manche Breitseite gegen Nazis lediglich als Entrebillet zur guten literarischen Gesellschaft dient". Scholdt fordert stattdessen wirkliche Aufklärung und "Verzicht auf ideologische Scheuklappen", die zu literaturhistorischen Kriterien über den Zeitgeist hinaus führen.

Scholdt wurde 1946 in Neu-Kaliß/Mecklenburg geboren. Er ist Mitarbeiter am Landesinstitut für Pädagogik und Medien und am Germanistischen Institut der Universität des Saarlandes. Scholdt befaßt sich zur Zeit mit dem Aufgabenfeld "Regionalliteratur" und dem Ausbau eines Archivs für die Literaturen der Grenzregionen Saarland-Lothringen-Luxemburg-Elsaß. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Literatur der Weimarer Republik und des "Dritten Reichs". Wichtige selbständige Veröffentlichungen sind "Gustav Regler 1898-1963, Saarländer-Weltbürger" (1988) und "Autoren über Hitler. Deutschsprachige Schriftsteller 1919-1945 und ihr Bild vom "Führer" (1993)."

Ralf Stieber, Karlsruhe, 27. Juni 1996


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