Bericht zur Tagung "Fluch und Gnade des Vergessens" Bad Herrenalb |
![]() Dr. Alexander Kissler, Feuilleton-Journalist der Süddeutschen Zeitung sprach zum Thema "Utopia ist abgebrannt. Wie das Neue in Verruf geriet". |
![]() Im Gespräch (v.l.) Akademiedirektor Dr. Jan Badewien und PD Dr. Rolf-Ulrich Kunze, Forschungsstelle Widerstand, Universität Karlsruhe |
![]() Die Psychoanalytikerin und Publizistin Dr. Hannah Rheinz setzte sich aus psychopanalytischer Sicht mit dem Erinnern auseinander. |
Nur weil Menschen vergessen können, ist aus der Sicht der Psychoanalytikerin Hannah Rheinz (München) seelisches Überleben möglich. Aus dem gleichen Grund aber gelinge es nicht, Erfahrungen aus der Unrechtsgeschichte der Menschheit in konstruktiver Weise von einer Generation zu nächsten weiterzugeben sagte Rheinz am Wochenende auf der Tagung Fluch und Gnade des Vergessens der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb. Bedauerlicherweise komme es zu Re-Inszenierungen von Vergangenem, die von Jahrhundert zu Jahrhundert zerstörerischer und gefährlicher für die Menschheit werden. Es habe den Anschein, als seien wir Gefangene unserer Vergesslichkeit. Das Vergessen mit den beiden Aspekten der Unfähigkeit zu vergessen und der Unfähigkeit zu erinnern sei möglicherweise Hauptursache des Scheiterns menschlicher Kulturen.
Akademiedirektor Jan Badewien (Karlsruhe) unterstrich, dass Erinnerung vor Manipulation schützt. Die Achtung vor der Leistung der Vorfahren und auch die Achtung vor den Opfern von Verblendung und der Gewalt forderten einen würdigen Umgang mit Erinnerung und Geschichte. Gleichzeitig dürfe der Horizont der Zukunft nicht verstellt werden. Die Lösung zukünftiger Aufgaben lässt sich nicht immer aus der Vergangenheit ableiten, betonte Badewien. Entscheidend sei das richtige Maß zwischen der Aufnahme der Vergangenheit und der Freiheit für Gegenwärtiges und Kommendes. Dies sei gerade heute wichtig, wo das Bewusstsein einer tiefen Krise die gesamte Gesellschaft einschließlich der Kirchen ergriffen habe.
Der Literaturwissenschaftler Ralph-Rainer Wuthenow (Frankfurt) wies auf den Verlust historischer Bildung in einer allgemeinen Wissens- und Reizüberflutung hin. Faktisch verarme der Mensch im Reichtum aller Angebote: eine allgemeine und fortschreitende Erosion zuvor noch bekannter historischer Zusammenhänge sei feststellbar. Der Ausgleich von Vergessen und Erinnern von Geschichte, sei durcheinander geraten. Das Vergessen befinde sich auf einem grandiosen Siegeszug ohne ein gleichzeitiges Wiedergewinnen geschichtlichen Gedenkens.
Den Wissens- und Speicherwahn unserer Zeit kritisierte der Kulturjournalist Hans-Volkmar Findeisen (Stuttgart). Die Spekulationsblase, wonach Computer der Menschheit den Weg in eine Wissen- und Informationsgesellschaft ermöglichten, sei geplatz. Erkennbar sei, dass das mediale Dauerbombardement mit Daten und Informationen keineswegs zu paradiesischen Zuständen führt.
Von einem prinzipiellen und grundsätzlichen Desinteresse am Neuen sprach der Feuilletonist Alexander Kissler (München). Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus seien die natürlichen Agenten des Utopischen, die Dichter und Philosophen abgetreten. Inzwischen hätten sich die Bio- und Informationstechniker der Utopien bemächtigt. Deren neueste Visionen basierten auf der Vorstellung, dass die biologische Evolution steuer- und kontrollierbar sei. Kissler hält es für notwendig, sich diesen Utopien bewusst zu stellen. Reformen und Revolten seien für die Entwicklung von Kultur wichtig, sie dürften aber nicht die Grundlagen der Menschheit wegschwemmen. Die neue posthumane Kultur werde sonst schnell inhuman.
Für seinen Beitrag wird Kissler am 23. Oktober 2005 der Bad Herrenalber Akademiepreis verliehen.
Ralf Stieber, Karlsruhe, 17. Mai 2004, ergänzt Juli 2005