Beitrag zur Tagung "Vom Sakralen zum Banalen?"
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Kirchen sind Möglichkeitsorte und Schutzzonen ohne Konsumzwang

Ergebnisse der Akademietagung "Vom Sakralen zum Banalen?"

Stefan Werner, Wolfgang Pehnt
OKR Stefan Werner und Prof. Wolfgang Pehnt

Karin Berkemann, Jürgen Keimer
Karin Berkemann mit Jürgen Keimer, der die Podiumsdiskussion moderierte

Ausstellung in Bad Herrenalb
Gang durch die Ausstellung "Schätze! - Kirchen des 20. Jahrhunderts"

Im Gespräch
Intensive Gespräch am Rande der Tagung

Matthias Ludwig bei der Ausstellungseröffnung
Matthias Ludwig eröffnete die Ausstellung

Die Religionslandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Säkularisierungsprozesse, demografische Veränderungen aber auch religiöse Pluralisierung stellten die christlichen Kirchen vor große, nicht zuletzt ökonomische Herausforderungen, so Akademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe) einleitend zur Tagung "Heilige Räume im Wandel - Heilige Räume im Wandel", die Ende November von der Evangelischen Akademie Baden gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der BauWohnBeratung Karlsruhe veranstaltet wurde. Ein Ergebnis dieser Entwicklung sei, dass nicht alle kirchlichen Bauten künftig unterhalten werden können – Umnutzungsprozesse seien unabwendbar.

Kulturhistorische Schätze erhalten

Stefan Werner, Leiter des Referates Gemeindefinanzen, Liegenschaften und Bau der Evangelischen Landeskirche in Baden (Karlsruhe), sprach von einem "dringenden Handlungsbedarf" in Sachen Kirchenverkauf und der Umnutzung von Kirchengebäuden selbst im finanziell verwöhnten Südwesten. Etwa 30% des Gebäudebestandes stünden angesichts der demografischen Entwicklung und der daraus folgenden Finanzsituation in Großstadtgemeinden wie Karlsruhe, Heidelberg oder Pforzheim zur Disposition. Es bedürfe eines Zusammenwirkens vieler gesellschaftlicher Kräfte, wenn der kulturhistorische Schatz der Kirchengebäude für Kirchenmitglieder wie auch für Nichtmitglieder erhalten werden soll. Es sei eine Aufgabe der Kirche, Lobby zugunsten des Erhaltes  unseres baulichen Erbes zu sein. Werner hob hervor, dass sich eine Gesellschaft letztlich sich selbst schade, wenn sie vergisst, dass das erwirtschaftete Vermögen nicht nur dem Straßenbau, sondern auch ihrer Kultur – und dazu zähle eben auch die religiös kirchliche - zugute kommen muss.

Sinnvolle Umnutzung

Die Stadtplanerin Professor Kerstin Gothe vom KIT Karlsruhe stellte in Bad Herrenalb verschiedene Lösungen vor, wie Kirchengebäude auch dann noch sinnvoll genutzt werden können, wenn sie nicht mehr als Kirche fungieren. In der deutschen Bevölkerung würde bei einer Umnutzung vor allem eine Verwendung von Gebäuden favorisiert, die mit dem sakralen Raum noch in Verbindung gebracht werden. Nur wenige könnten sich eine Umnutzung von Kirchen als Klettergarten, Gaststätte oder Kaufhaus vorstellen, die in anderen Ländern durchaus Praxis sei. Vorteil wirtschaftlicher Nutzungszwecke sei es, dass sie immerhin dafür sorgen würden, dass manches Kirchengebäude auch zukünftigen Generationen erhalten bliebe statt aus Kostengründen abgerissen werden zu müssen.

Kirchen als öffentliche Räume

Der Architekturhistoriker Professor Wolfgang Pehnt (Köln) hob in seinem  Beitrag hervor, dass "sakrale Baudokumente zu den kostbaren Hinterlassenschaften der Vergangenheit" zählten. Kirchen hätten Städte wie Landschaften geprägt, sie seien "Schöpfungen, deren materielle Substanz über sich hinausweist". Er plädierte vor diesem Hintergrund für einen konstruktiven Umgang mit Kirchengebäuden. Auch

aufgelassene Kirchen sollten nach Möglichkeit als "öffentliche Räume" genutzt werden, denn "Kirchen sind nicht nur Stätten der Andacht". Selbst in Zeiten ihrer unangetasteten sakralen Nutzung waren sie immer auch Zentren der musikalischen Praxis, Bühnen des geistlichen Theaters, Tresor für Archive und Urkunden, Schauplätze von Rechtshandlungen und wissenschaftlichen Disputen, Säle für Feste und Bankette und repräsentative Veranstaltungen, Freistätten für Verfolgte und Andersdenkende bis hinein in die letzten Tage der DDR.

Möglichkeitsorte und Schutzzonen ohne Konsumzwang

Ein besonderes Merkmal von Kirchen sei es, so Pehnt weiter, dass sie Orte sind, "die der schnellen Verfügbarkeit entzogen sind und wo nicht alles nach Nutzen und Gewinne geht". In Zeiten, in denen der öffentliche Raum immer mehr aus Einkaufsgalerien besteht und das Hausrecht des Betreibers gelte, könnten sie zu frei zugänglichen "Möglichkeitsorten" und zu Schutzzonen ohne Konsumzwang werden, "die an das alte Asylrecht in Kirchenräumen erinnern".

Obwohl die Lage ernst ist, sollte sie dennoch nicht dramatisiert werden: Der Soziologe Prof. Bernhard Schäfers (Karlsruhe) erinnerte daran, dass es Aufhebung und Umwidmung religiöser Gebäude und Territorien seit der Säkularisation gegeben habe. Diese Umbruchsituationen seien deutlich schlimmer gewesen als die heutigen Herausforderungen.

Räume der Sinnsuche

Die Theologin Ulrike Beichert (Karlsruhe) von der Projektstelle "Kirchenraum" der badischen Landeskirche sprach von der positiven Entwicklung, dass die Bedeutung von Kirchen für ein Gemeinwesen von vielen, nicht nur kirchlich interessierten Zeitgenossen inzwischen neu wahrgenommen werde. Die große Resonanz beim Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden, aber auch die öffentliche Empörung über den Verkauf oder den Abriss einer Kirche würden dies belegen. In Zeiten immer weitergehender Individualisierung und Privatisierung seien öffentliche Räume der Sinnsuche, der offen gehaltenen Fragen, der Freiheit von Interessen wichtig.

Ausstellung - Schätze! - Kirchen des 20. Jahrhunderts

Im Rahmen der Tagung wurde von Matthias Ludwig vom EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart (Marburg) die eindrückliche Ausstellung "Schätze! – Kirchen des 20. Jahrhunderts" eröffnet, die den Focus auf bisher viel zu wenig beachtete architektonische Schmuckstücke richtet. Die Ausstellung ist im "Haus der Kirche  - Evangelische Akademie Baden" in Bad Herrenalb   bis zum 20. Dezember 2009 zu sehen.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 23. November 2009