Beitrag zur Tagung "Vom Sakralen zum Banalen?" |
Kirchen sind Möglichkeitsorte und Schutzzonen ohne KonsumzwangErgebnisse der Akademietagung "Vom Sakralen zum Banalen?"
aufgelassene Kirchen sollten nach Möglichkeit als "öffentliche Räume" genutzt werden, denn "Kirchen sind nicht nur Stätten der Andacht". Selbst in Zeiten ihrer unangetasteten sakralen Nutzung waren sie immer auch Zentren der musikalischen Praxis, Bühnen des geistlichen Theaters, Tresor für Archive und Urkunden, Schauplätze von Rechtshandlungen und wissenschaftlichen Disputen, Säle für Feste und Bankette und repräsentative Veranstaltungen, Freistätten für Verfolgte und Andersdenkende bis hinein in die letzten Tage der DDR. Möglichkeitsorte und Schutzzonen ohne KonsumzwangEin besonderes Merkmal von Kirchen sei es, so Pehnt weiter, dass sie Orte sind, "die der schnellen Verfügbarkeit entzogen sind und wo nicht alles nach Nutzen und Gewinne geht". In Zeiten, in denen der öffentliche Raum immer mehr aus Einkaufsgalerien besteht und das Hausrecht des Betreibers gelte, könnten sie zu frei zugänglichen "Möglichkeitsorten" und zu Schutzzonen ohne Konsumzwang werden, "die an das alte Asylrecht in Kirchenräumen erinnern". Obwohl die Lage ernst ist, sollte sie dennoch nicht dramatisiert werden: Der Soziologe Prof. Bernhard Schäfers (Karlsruhe) erinnerte daran, dass es Aufhebung und Umwidmung religiöser Gebäude und Territorien seit der Säkularisation gegeben habe. Diese Umbruchsituationen seien deutlich schlimmer gewesen als die heutigen Herausforderungen. Räume der SinnsucheDie Theologin Ulrike Beichert (Karlsruhe) von der Projektstelle "Kirchenraum" der badischen Landeskirche sprach von der positiven Entwicklung, dass die Bedeutung von Kirchen für ein Gemeinwesen von vielen, nicht nur kirchlich interessierten Zeitgenossen inzwischen neu wahrgenommen werde. Die große Resonanz beim Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden, aber auch die öffentliche Empörung über den Verkauf oder den Abriss einer Kirche würden dies belegen. In Zeiten immer weitergehender Individualisierung und Privatisierung seien öffentliche Räume der Sinnsuche, der offen gehaltenen Fragen, der Freiheit von Interessen wichtig. Ausstellung - Schätze! - Kirchen des 20. JahrhundertsIm Rahmen der Tagung wurde von Matthias Ludwig vom EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart (Marburg) die eindrückliche Ausstellung "Schätze! – Kirchen des 20. Jahrhunderts" eröffnet, die den Focus auf bisher viel zu wenig beachtete architektonische Schmuckstücke richtet. Die Ausstellung ist im "Haus der Kirche - Evangelische Akademie Baden" in Bad Herrenalb bis zum 20. Dezember 2009 zu sehen. Ralf Stieber, Karlsruhe, 23. November 2009 |