Beitrag zur Tagung Einsteigen - Umsteigen - Aussteigen
Homepage der Evangelischen Akademie Baden
 

Gehen ist die beste Form der Bewegung

Akademietagung zur Zukunft der Mobilität

Schallaböck - Boßler
Dr. Schallaböck im Gespräch mit Dipl. Ing. Gunter Boßler vom VDI

Monheim
Prof. Dr. Heiner Monheim plädierte für einen Mix aus Nahverkehr, Carsharing und Gehen

Radkau
Der Blick in die Technik-Geschichte kann hilfreich sein: Prof. Radkau

Referenten
Plenumsgespräch "Einsteigen - Umsteigen - Aussteigen"

Deffner
Dr. Jutta Deffner plädierte für eine neue Mobilitätskultur

Zu einem offensiven Umsteuern in Sachen Mobilität hat am der Philosoph Karl Otto Schallaböck vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie aufgerufen. Auf der Bad Herrenalber Tagung "Zukunft der Mobilität in einer globalisierten Welt", die gemeinsam von der Evangelischen Akademie Baden und dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) veranstaltet wurde, betonte Schallaböck, dass Mobilität zwar elementar zum Menschsein dazu gehöre. Die Vorteile der menschengeschichtlich innovativen Erfindung von "mit Fremdenergie angetriebenen Apparaten" seien inzwischen aber längst zum Nachteil für die Menschheit geworden. Der weltweit immer noch anwachsende Verkehr sei eine der maßgeblichen Quellen für Treibhausgasemissionen.

Tempo 80 und kleinere Autos

Weder das Elektroauto noch der Hypridantrieb, so Schallaböck weiter, seien bisher eine effiziente Lösung, um Emissionen nennenswert abzusenken. Vielmehr gelte es, die zurückgelegten Fahrzeugkilometer deutlich zu vermindern, den Verkehr auf weniger belastete Verkehrsträger zu verlagern und die Verkehrsmittel in Richtung kleinere Autos zu verbessern. Sinnvoll sei auch eine Absenkung der Geschwindigkeit, denn bei Tempo 80 werde deutlicher weniger Sprit verbraucht.

Nahverkehr fördern

Die Notwendigkeit von Verhaltensänderungen hob der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim (Trier) hervor. Statt den Stau und damit "Immobilität zu globalisieren", gelte es, die Städte so zu organisieren, das mit möglichst wenig Schaden Mobilität ermöglicht wird. Deutschland als Land, in dem das Auto erfunden wurde, sollte Verantwortung für die Welt übernehmen und Vorbild werden für eine "nachhaltige Weiterentwicklung der Mobilität". Sinnvoll sei die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs, zugleich solle man sich aber auch wieder mehr auf das "Gehen als beste Form der Bewegung" besinnen.

Teure Infrastruktur

Die Herausforderungen an das Verkehrs- und Siedlungssystem angesichts der demographischen Entwicklung zeigte Bastian Chlond (Karlsruhe), Projektleiter am Institut für Verkehrswesen am KIT auf. Zukünftig werde sich immer mehr die Frage stellen, wie viel Mobilität wir uns überhaupt noch leisten können. Mobilität werde in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit teurer, bereits heute könne man in peripheren Räumen kaum noch die gewohnte Infrastruktur erhalten. Damit eine nachhaltige Mobilitätskultur entstehen kann – so Dr. Jutta Deffner (Frankfurt) vom Institut für sozial-ökologische Forschung – seien "rationale, symbolische und materielle Seiten von Mobilität in geeigneter Weise zusammenzubringen".

Techniken der Zukunft

Deutlich wurde, dass die Mobilität der Zukunft innovative Technikansätze braucht, für die beispielsweise das Projekt "Zug der Zukunft" steht, das Dr.-Ing. Joachim Winter (Stuttgart),

Projektleiter "Next Generation Train" beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) vorstellte. Zurzeit werde an einem neuartigen Hochgeschwindigkeitszug geforscht, der 25 Prozent schneller fahren kann ohne die bestehenden Sicherheitsstandards zu verletzen, gleichzeitig aber nur halb so viel Energie wie herkömmliche Systeme verbraucht. Dass es auch über den Wolken Mobilitätsgrenzen gibt, verdeutlichte Dipl.-Ing. Horst Hüners (Köln), u.a. Leiter des Projekts AEROSTABIL beim DLR. Flugplätze und Luftraum seien der "Flaschenhals" für den Luftverkehr in Europa, mit dem geschickt umgehen muss. Ziel sei eine effiziente Nutzung der Infrastruktur bei gleichzeitiger Reduktion der Anwohnerbelastung.

Aus der Technikgeschichte lernen

An eher vergessene Seiten der Technikgeschichte erinnerte der Technik-Historiker Joachim Radkau (Bielefeld): Noch in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei das Auto in Deutschland eher unpopulär gewesen. Die bedeutungsvolle Zäsur der bundesdeutschen Automobilgeschichte liege in der Zeit um 1960, als die Zweckbindung der Mineralölsteuer für den Straßenbau beschlossen wurde. Damit sei aber ein "permanenter Zwang zum Ausbau des Straßennetzes installiert worden". Radkau unterstrich, dass sich ein Blick in die vielfältige Technikgeschichte gerade in Sachen Mobilität lohne. Viele gute Konzepte seien schon einmal da gewesen, seien dann aber nicht weiterverfolgt worden.

Geschwindigkeit nach menschlichem Maß

Für eine "Wiederentdeckung der Geschwindigkeit nach menschlichem Maß" sprach sich Akademiedirektor Siegfried Strobel (Karlsruhe) aus. Geschwindigkeit sei mehr als eine physikalische Formel, vielmehr müsse auch der Faktor Mensch berücksichtigt werden. Diese Wiederentdeckung sei gesund für den Körper, gut für den Geldbeutel und prima für das Klima. Die biblische Schöpfungsgeschichte kenne diese Form der Geschwindigkeit: sie ende mit dem Sabbath, mit der Feier der freien, von aller Geschäftigkeit frei gehaltenen Zeit.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 4.2.2010