Bad Herrenalb. War ich im letzten Leben Königin Kleopatra, ein Bär oder gar ein Baum? Mit "Rückführungen in ein früheres Leben" will die Reinkarnationstherapeutin Kayla Mackenzie-Kopp (Neckargemünd) Probleme und Ängste von Menschen in ihrem jetzigen Leben auflösen. Die Therapie will nicht beweisen, daß es ein früheres Leben gibt, Reinkarnation ist vielmehr für Mackenzie-Kopp ein Werkzeug, um Menschen weiterzuhelfen. Auf der Tagung "Auferstehung und Reinkarnation - Alternative oder Ergänzung?" wurde als zweites Beispiel für den Reinkarnationsglauben die Sicht der Anthroposophie vorgestellt. Georg Geier, Waldorflehrer in Freiburg, bezeichnete dabei die Reinkarnation als Chance für "Entwicklung menschlicher Seelenfähigkeit".
Reinkarnation meint die Vorstellung, daß es viele Erdenleben gibt, die hinter uns und vor uns legen. Die christliche Auferstehungshoffnung über den Tod hinaus hat heute jedenfalls kein Monopol mehr. Die New Age-Bewegung und der Esoterikboom, aber auch die Präsenz asiatischer Religionen im Westen haben dafür gesorgt, daß Formen des Reinkarnationsglaubens in Deutschland zunehmend populärer werden. Schätzungen zufolge glauben inzwischen 20-30% der Bundesbürger an so etwas wie eine Wiedergeburt.
Reinkarnation gilt nach den Worten des Theologen und Indienkenners Reinhart Hummel (Stuttgart), als religiöse Alternative, die man "einfach einmal ausprobieren" kann. Oft werde die Reinkarnation auch als moderne Art "säkularer Religion" mit wissenschaftlichem Anspruch dargestellt. Eine Rolle für den Erfolg der Reinkarnation spiele zudem der Trend zur Individualisierung der Menschen: immer mehr Menschen fragen nach ihrer individuellen Hoffnung und dem individuellen Schicksal nach dem Tod.
Der Theologe Klaus Berger (Heidelberg) wies darauf hin, daß das Phänomen Reinkarnation auch dem frühesten Christentum nicht fremd gewesen sei. Allerdings gehe es dort um die Übertragung "des Geistes und der Kraft Jesu Christi" auf jeden einzelnen Christen, und nicht darum, ein Leben noch einmal leben zu müssen.
Die heutigen Auffassungen von Reinkarnation sind für Berger jedoch nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar. Denn letztlich streben sie an, "durch wiederholte Existenz immer vollkommener zu werden". Das Menschenbild des Christentums sei hingegen der "von Gott bejahte Mensch". Der einzelne muß nicht alles von sich aus vollbringen, sondern sei auch mit all seinen Marotten und Schwächen geliebt". Mit der christlichen Auferstehung werde die ganze Welt leiblich und seelisch verwandelt. Akademiedirektor Jan Badewien (Karlsuhe) betonte, daß die Auferstehungshoffnung eine Absage an die Gesetzlichkeit und das "Joch der Leistungsreligionen" sei.
Christlicher Glaube und Reinkarnation geben so unterschiedliche Antworten auf viele Fragen, daß man sie nicht miteinander kombinieren kann, ohne wichtige Inhalte des Christentums preiszugeben. Sinnvoll wäre dennoch ein offener Dialog zwischen beiden Glaubensvorstellungen. Nach Auffassung des Theologen und Buchautors Klaus von Stieglitz (Dresden) müsse es nicht zuletzt zwischen Christen und Anthroposophen "zu einem Ende des Hohns" kommen. Das bedeute, Lernbereitschaft zu zeigen, ohne die Unterschiede zu verwischen. Statt eines "Fehdehandschuhs" solle man sich besser "Arbeitshandschuhe" hinwerfen.
Ralf Stieber, Bad Herrenalb, 27. April 1998