Publikationen der Evangelischen Akademie Baden Quelle: Ralf Stieber, Karlsruhe
Facebook Twitter YouTube RSS
Ansprechpartner
Quelle: Privat
Dr. Gernot Meier
Studienleiter
Bereich Wissenschaft, Kultur, Medien und Weltanschauungen
>> mehr ...

Landeskirchlicher Beauftragter für Weltanschauungsfragen
Telefon: 0721-9175315
E-Mail

10 Thesen für die digitale Revolution

Von Dr. Gernot Meier zur Veranstaltungsreihe "Die Digitale Revolution"

 1. Uns Menschen ist die Freiheit geschenkt, uns zu verändern.

Deshalb: Du sollst dir kein Bildnis machen. Die Überwachungssysteme forcieren Bilder von uns, und unsere eigene digitale Gedankenlosigkeit erlaubt es, dass Bilder unseres gesamten Lebens von uns gemacht werden. Bilder, auf die wir festgenagelt werden können. Bilder, denen wir uns nicht mehr entziehen können. Diese Bilder werden aus den Datenspuren und unseren Lebensgewohnheiten erstellt. Diese Bilder machen Maschinen. Menschen sind heute dabei schon weitgehend unbeteiligt. Aber diese von Maschinen hergestellten Bilder bestimmen die Menschen weiter. Wenn dann Entscheidungen von Menschen aufgrund dieser maschinell erstellten Daten anstehen, ist es kaum noch erkennbar, warum eine Person in ein solches Raster gefallen ist. Diese Bilder können unser Leben so determinieren, dass wir nie mehr die Möglichkeit haben, uns aus dieser Gefangenschaft zu befreien. Das Recht auf „Vergessen“, der „Löschung“ von Daten oder der Angabe eines „Verfallsdatums“ hat für die Gesamtheit der Verbreitungs-, Speicher- und Darstellungsmöglichkeiten im Internet eher kosmetischen Charakter. Es gibt oftmals kein Vergessen und somit auch keinen Neuanfang. Auch die Speicherung von Metadaten können Bilder erzeugen, die ohne Kontext falsch sind. Wenn man z.B. bei einem Notar, einem Krebsspezialisten und einer Pfarrerin anruft, könnte man an Fragen zum Lebensende denken oder an eine Jassrunde mit Freunden.

 

2. Wir Menschen sind nach Gottes Bild geschaffen.

Deshalb: Du sollst die Unterschiedlichkeit schützen und nicht aus deiner scheinbaren „Normalität“, „Jugend“, „Kraft“ oder „Gesundheit“ Kapital schlagen. Je mehr Daten ich den Konzernen zur Verfügung stelle, desto besser wird mein momentaner persönlicher Rabatt sein. Je mehr ich einem gerechneten Standard entspreche, desto besser passe ich in das jeweilige Belohnungssystem. Heute wird immer mehr die natürliche körperliche Unterschiedlichkeit in den Blick genommen, da sie hauptsächlich als ein Kostenfaktor gesehen wird. Aber umso unsolidarischer trifft es Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Unterschiedlichkeit, die ein Algorithmus berechnet hat, aus diesem Raster herausfallen.
 

3. Uns ist der andere als Bruder und Schwester in Christus anvertraut.

Deshalb: Du sollst die Integrität deines Nächsten schützen. Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, sich mit Verschlüsselungen zu schützen, d.h. sie können oder dürfen diese nicht nutzen. Das bedeutet zurzeit, die Welt der Computernutzer zerfällt in die, die sich abschirmen und schützen können und in den Rest. Wenn es mein Nächster oder meine Nächste nicht vermag, ist sie diesem Treiben hoffnungslos ausgeliefert. Wenn ich aktiv anfange, mich zu schützen und auf meine Integrität acht gebe, wenn ich anfange einen Kreis um mich zu ziehen, in den keiner, den ich nicht dazu eingeladen habe, hineinkommen darf, dann werden sich langsam digitale Kulturtechniken entwickeln, die es allen ermöglichen, so zu handeln. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn ich mich nicht schütze, bin ich nicht nur selber schuld, sondern jede Datei, jede Email, jede Information, die unverschlüsselt durch das Netz gesendet wird, schützt auch meinen Nächsten nicht und verändert das System auf Dauer nicht.
 

4. Uns ist von Gott die Verantwortung und die Freiheit gegeben.

Deshalb: Du sollst deine Freiheit und damit die des Nächsten schützen. Menschen verändern ihre Gewohnheiten, wenn sie abgehört werden. Sogar wenn dies nur theoretisch möglich ist. Welche Ausmaße und Auswirkungen das annehmen kann, zeigt die jüngere deutsche Geschichte. Uns Menschen ist aber diese Grundfreiheit des Lebens gegeben worden und diese Freiheit wird zerstört. Die Privatheit ist nicht nur gefährdet, sondern sie ist beseitigt. Man könnte den Eindruck haben, dass Grundrechte angesichts der Software der Geheimdienste und der Untätigkeit der Politik nur noch literarischen Charakter haben oder von einer anderen Zeit zeugen. Der Schutz der Freiheit, sich zu äußern und digital Meinungen zu bilden, betrifft nicht nur z.B. Ärzte, Journalistinnen, Richter, Anwälte oder Pfarrerinnen und Priester, sondern alle. Und ganz besonders die, die sich z.B. um die Aufdeckung von Missständen kümmern, Lobby bilden oder ganz einfach ihre Rechte und Pflichten als Bürger wahrnehmen. Ein Seelsorge- oder Beichtgeheimnis, sofern elektronische Medien genutzt werden oder Geräte wie z.B. einige Smartphones oder IP Telefone in der Nähe herumliegen, erscheint nicht mehr zusicherbar.

 

5. Uns allen sind von Gott viele Gaben verliehen worden.

Deshalb: Du sollst deine digitalen Fähigkeiten zu deinem und vor allem zum Nutzen anderer verbessern. Das Internet und seine technischen Möglichkeiten, aber auch die Technik, die uns umgibt, ist voll von vielen und oftmals ungenutzten Möglichkeiten. Irgendjemand hat sie für uns programmiert, und meistens nutzen wir sie einfach. Strom, Wasser, der Aufzug, die Ampelanlage und vieles mehr wird über digitale Technik gesteuert. Das macht unser Leben in fast allen Bereichen einfacher und spart darüber hinaus viel Energie und Kosten. Manche Technologien kommen uns dabei sehr nahe und erlauben anderen, uns gleichsam nackt zu sehen. Politische Einstellungen, sexuelle Vorlieben oder persönliche Lebensweisen sind kein Geheimnis mehr. So bleibt den Bürgerinnen und Bürgern nur übrig, sich selbst um ihre digitale Selbstverteidigung zu kümmern. Es gilt heute, durch den Geist der Freiheit wieder zum Akteur des eigenen (digitalen) Lebens zu werden. Setze dich dafür ein, Menschen ihre Angst und Hilflosigkeit zu nehmen, die oft durch Unkenntnis hervorgerufen wird. Das macht wirklich Arbeit – ist aber notwendig.
 

6. Gott hat uns den Geist der Freiheit geschenkt, der uns frei machen wird.

Deshalb: Du sollst nicht einfach glauben, was du in deiner eigenen Informationsblase zu lesen, sehen und hören bekommst. Hierarchiefrei, partizipativ, sozial und offen etc. sollten die digitalen Medien sein. Leider ist das nicht (mehr) gegeben, und wir Userinnen und User tun alles dafür, dass das Internet immer mehr von multinationalen Konzernen marktwirtschaftlichen Prämissen unterworfen wird. Das wäre so, als würde uns eine Firma die Atemluft zuteilen, je nachdem, was wir sagen wollten. Oder die Lieferung von Farben geht nur dann schnell, wenn das Bild passt, das gemalt werden soll. Um dieses freie Atmen im Netz zu schützen, sind unter anderem drei Dinge essentiell notwendig: Netzneutralität, offene WLAN´s (wie die Freifunk-Initiative) und offene Software (Verschlüsselung habe ich schon genannt). Das Konzept des freien Wissens, der freien Zugänglichkeit zu allen Informationen, des bunten, fröhlichen, sozialen Lebens im Netz ist nicht deshalb schlecht, weil Überwachungseinrichtungen es konterkarieren. Es wird sich aber nur dann für uns und die nachfolgenden Generationen als freie Medienverbundmaschine durchsetzten, wenn wir es wieder zurückerobern. Es gilt, Kulturtechniken zu entwickeln, um leicht Informationen und Positionen sowie die Entstehung von Information und ihre Funktion im Feld zu analysieren. In der Zukunft werden diese Kulturtechniken im neuen sechsstündigen Pflichtfach „Informationsmanagement und Wissensknoten“ an Schülerinnen und Schüler vermittelt werden.
 

7. Uns sind von Gott Phantasie, Ideenreichtum und die Möglichkeit geschenkt worden, sich und alles andere immer wieder neu zu erfinden.

Deshalb: Du sollst das Leben von dir und von anderen durch die Digitalisierung bereichern und die Berechnung dort zurückweisen, wo sie dich beziffert. Unzählige Menschenleben wurden schon gerettet, weil jemand sein Mobiltelefon dabei hatte und sofort Hilfe holen konnte oder weil Mediziner Verfahren in der Krebstherapie mit Hilfe von großen Datenmengen und zugehörige Algorithmen weiterentwickeln konnten. Unzählige Menschen können heute an politischen oder kulturellen Ereignissen rund um den Erdball teilnehmen, Informationen gleichsam „vor Ort“ von involvierten Personen bekommen oder einfach leicht mit anderen kommunizieren, obwohl sie sich z.B. nicht mehr gut bewegen können. Unzählige Möglichkeiten, Chancen und Ideen lassen sich durch den Einzug der digitalen Medien verwirklichen. Diese Chancen zu sehen, sich nicht von Personen irritieren zu lassen, die uns digitale Demenz bescheinigen oder in einen Internetalarmismus zu verfallen, ist das Gebot unserer Zeit. So ist es notwendig, Digitalisierung zu fördern, die allen Menschen zugute kommt. Bereiche, die Unterstützung brauchen, gibt es genug. Der Schattenseite, der Bezifferung des Lebens, ist aber Einhalt zu gebieten. Das Diktat des Ertrages, des quantifizierenden-marktorientierten Denkens, das durch die Digitalisierung in ein neues Zeitalter eingetreten ist, das Diktat der Leistungsziffern und die Ausweitung der Ökonomisierung auf alle Bereiche wie Religion, Kultur und Wissenschaft, müssen zurückgewiesen werden.
 

8. Gott hat in uns und um uns viele mögliche Welten angelegt.

Deshalb: Du sollst Möglichkeiten eröffnen, Ambiguitäten aushalten und dich nicht in eine Orientierung der berechneten Welt flüchten. Wir leben in der Postmoderne, die mit ihren vielen Optionen Menschen Angst machen kann. Orientierungen für sich zu finden und das Leben in seiner Unbestimmtheit zu meistern, ist eine große Aufgabe. Hier stellt sich die Frage, was sind unsere Maßstäbe und welche Modelle berücksichtigen wir dabei. Aus der technischen Moderne haben wir das Berechnen der Welt übernommen, und es hilft uns im täglichen Leben. Bei der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin oder der schnellsten Verbindung von Paris nach Karlsruhe. Berechnung ist aber kein Ersatz für den Verlust von Orientierung in der Postmoderne, nicht einmal geografisch. Wenn wir anfangen, Algorithmen Erkenntnis zuzuschreiben und den Zukunftsforschern glauben, dass man mit extremen Datenmengen (BigData) alles berechnen kann, haben wir aufgegeben, nach dem Warum zu fragen. Setze dich dafür ein, dass ethische Entscheidungen in all ihrer Komplexität sich an der lebendigen Welt orientieren und dass unsere Entscheidungen sich nicht von berechneten Zielvorgaben gänzlich bestimmen lassen. Die Welt darf nicht zu einer Statistik werden, in deren Gefolge mögliche Richtgrößen eine schöne neue Welt erschaffen.
 

9. Uns ist der Sonntag geschenkt worden.

Deshalb: Du sollst bei anderen nicht erwarten, dass sie sofort auf deine Email antworten und bezahle die Menschen für ihre digitale Arbeit oder mache es einfach selbst. Im Fluss der Daten und im Sog der Zeit lernen wir gerade auf digitalen Wellen zu surfen. Von Information zu Information, von Post zu Post, von Sound zu Sound. Jeder Mensch muss hier seine eigene Geschwindigkeit finden, seine Art mit den „Ansprüchen“ der digitalen Medien umzugehen. Dazu gehört auch, dass bei Fragen, bei denen es nicht um Leben und Tod geht oder man die Liebe des Lebens verlieren könnte, auch Zeit vergehen kann, bis du eine Antwort bekommst. Setze dich aktiv dafür ein, dass Arbeitsbedingungen und die Digitalisierung so zusammenkommen, dass es für die Menschen kein Rennen gegen die Zeit ist. Dazu gehört auch, vor allem im Kontext der sog. „Industie 4.0“ zwischen Möglichkeit und dringender Notwendigkeit zu unterscheiden. Dazu gehört auch, dass wir lernen müssen: Wenn wir im Netz etwas gratis bekommen, sind wird nicht der Kunde, sondern das Produkt. Das müssen wir durchbrechen – für uns wie für die anderen. Für uns, weil wir keine Produkte mehr werden dürfen und für die vielen Menschen, die online ihren Lebensunterhalt verdienen. Journalisten, Programmiererinnen oder auch Literaturschaffende oder Musikerinnen müssen ihren fairen Anteil ohne Zwischenvermarktungssysteme bekommen. Auch sie wollen in Frieden am Samstagabend tanzen gehen, am Sonntag mit ihren Liebsten unterwegs sein und nicht als Klick- und Schreiblemminge in einem dunklen Büro enden.

10. „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Ps 139,2)

Der Psalmdichter, der diese Zeile vor ca. 2500 Jahren schrieb, sah darin wahrscheinlich etwas sehr Positives und auch heute erleben viele Menschen diese Zeilen für sich als einen Schutz in ihrem Leben. Der Adressat ist allerdings Gott, und nach meiner Überzeugung sind diese Dinge Gott allein vorbehalten. Nach allem, was im Kontext der digitalen Revolution bekannt ist, wird das Ziel zukünftig sein, schon wenige Zeit - vll. nur wenige Sekunden - bevor ein Mensch etwas denkt, plant, kaufen will oder entscheidet, es schon vorher zu wissen. Hier setzten sich Menschen und deren Maschinen an diese Stelle - dorthin, wo eigentlich nur Gott stehen dürfte. 
 
Pfarrer Dr. Gernot Meier - Akademiestudienleiter für Wissenschaft, Kultur, Medien und Weltanschauungen
 

Download: