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Geht ein Leben ohne Wirtschaftswachstum?

Interview mit Prof. Dr. Niko Paech

Der Wirtschaftswissenschaftler und Wachstumskritiker Prof. Dr. Niko Paech (Universität Siegen) gilt als einer der prominentesten Vertreter der „Postwachstumsökonomie“. Damit ist eine Form der Wirtschaft gemeint, "die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile, wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende Versorgungsstrukturen verfügt" (Paech).

Quelle: Ralf Stieber, Karlsruhe
Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech in Karlsruhe

Warum sind Sie als Wirtschaftswissenschaftler ein Wachstumskritiker? Lassen sich Ökonomie und Ökologie nicht miteinander versöhnen?

Prof. Dr. Niko Paech: Gemessen an der Gesamtbilanz ihrer Wirkungen sind alle bisherigen Nachhaltigkeitsbemühungen gescheitert, ganz gleich ob es sich dabei um technologische, politische oder pädagogische Maßnahmen handelte. Abgesehen von unbedeutenden Ausnahmen lässt sich kein ökologisch relevantes Handlungsfeld finden, in dem die Summe der seit langem bekannten oder neuen Schadensaktivitäten nicht permanent zugenommen hätte. Die vielen technischen Innovationen, mit denen versucht wurde, Ökonomie und Ökologie miteinander zu versöhnen, haben nicht einfach nur versagt, sondern – wie etwa im Zuge der deutschen Energiewende – sogar viele zusätzliche Umweltschäden überhaupt erst entstehen lassen.

Sie sprechen vom Konsumverzicht: Müssen wir alle den Gürtel zukünftiger enger schnallen? Und ist dies nicht eher eine Zumutung, die im Alltag keine Chance auf Umsetzung hat?

Prof. Dr. Niko Paech: Nein, ich spreche nicht von Verzicht, sondern davon, sich klug jenes Ballastes zu entledigen, der unser Leben verstopft. Denn damit Konsum- und Mobilitätsaktivitäten ihr Potenzial entfalten können, bedürfen sie der Aufmerksamkeit und somit Zeit des jeweiligen Nutzers. Aber Zeit ist die knappste Ressource, mit der Menschen konfrontiert sind. Genuss und Wohlbefinden setzen also voraus, sich auf jenes Quantum an Aktivitäten zu begrenzen, für die das nicht vermehrbare Zeitbudget ausreicht. Denn nichts ist genussfeindlicher als Stress und Flüchtigkeit. Eine Rückkehr zum menschlichen Maß hieße also nicht Verzicht, sondern sich vor Reizüberflutung und psychischer Überforderung zu schützen. Das gelingt nur durch eine Selbstbegrenzung auf jene Aktivitäten, die Menschen kraft ihrer knappen psychischen und zeitlichen Ressourcen überhaupt bewältigen können.

Die Kirchen fordern angesichts weltweiter Not ein Umdenken in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Kann das ein Schritt in Richtung Postwachstumsökonomie sein?

Prof. Dr. Niko Paech: Unbedingt. Aber ich möchte auch darauf hinweisen, dass globale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert weniger heißen sollte, großzügiger zu geben, als bescheidener zu nehmen. Nicht nur die Armut, sondern zuvorderst der verantwortungslose Reichtum der Mittelschichten und Eliten wäre zu lindern.
 

Wie würden Sie einem Laien den Begriff „Postwachstumsökonomie“ erklären?

Prof. Dr. Niko Paech: Puh… das kann ich hier nur skizzieren. Grob vereinfacht sind zwei Stoßrichtungen vonnöten, nämlich erstens ein Zeitalter der Entrümpelung, also eine Suffizienzbewegung, und zweitens eine neue Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung, also mehr Subsistenz. Suffizienz kehrt das moderne Steigerungsprinzip ins Gegenteil um: Kreative Reduktion als Gestaltungsprinzip. Wir könnten viele Energiesklaven, Komfortkrücken und Infrastrukturen ausfindig machen, die wir gar nicht nötig haben – ganz gleich ob elektrisches Küchengerät, Wellness-Rezeptur, Flugreise oder Industriegebiet. So sparen wir Zeit, Geld, Raum und ökologische Ressourcen. Der zweite Ansatzpunkt zielt darauf, unabhängiger von geldbasierter Fremdversorgung zu werden. Eigenarbeit ist angesagt! Wer durch handwerkliche und manuelle Versorgungsleistungen unentgeltlich produktiv ist, und zwar sowohl für sich selbst als auch das nahe soziale Umfeld, schlägt drei Fliegen mit einer Klappe: Erstens ist es der beste Selbstschutz gegenüber zukünftigen Ressourcenknappheiten, die das aktuelle Wohlstandsmodell unbezahlbar machen. Zweitens schützen wir direkt die Umwelt. Und drittens mildern wir strukturell Wachstumszwänge, die einem geldbasierten, arbeitsteiligen Industriemodell innewohnen.

Ist die Rede von einem Leben ohne Wachstum nur eine Utopie oder hat sie reale Chancen auf Umsetzung?

Prof. Dr. Niko Paech: Die dümmste aller Utopien bestände darin zu glauben, dass es ein Weiter-so geben könnte, während das, was ich unter Postwachstumsökonomie verstehe, nicht nur der letzte Ausweg ist, sondern auch dann eintreten würde, wenn wir stoisch am Konsum- und Mobilitäts-Hedonismus festhalten. Dann werden eben die Krisen zum erbarmungslosen Lehrmeister und Treiber eines Wandels zum Weniger.

Bekommt man mit Postwachstum die Probleme dieser Welt in Griff?

Prof. Dr. Niko Paech: Kein noch so durchdachtes Konzept oder System kann uns am Ende helfen, sondern nur verantwortungsbewusste und hinreichend bescheidene Menschen.

Sie äußern sich teilweise kritisch zu technischen Umsetzungen  der Nachhaltigkeit wie der Windenergie. Wird damit nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

Prof. Dr. Niko Paech: Die deutsche Energie umfasst ausschließlich den Einsatz erneuerbarer Energieträger im Elektrizitätsbereich. Für die meisten Klimaprobleme existieren aber gar keine praktikablen technischen Lösungen auf Basis der Erneuerbaren. Außerdem erweist es sich als realitätsfern oder gar unmöglich, alle energieintensiven Handlungsfelder zu elektrifizieren. Denken wir an Flugreisen, PKW, Gütertransporte per LKW, Schiffe, die Heizenergie in Immobilien, die Prozesswärme im Produktionsbereich, die immensen Energieverbräuche der industriellen Landwirtschaft und last but not least die "graue" Energie, welche in die globalisierte Herstellung jener Güter einfließt, die wir in europäischen Konsumgesellschaften mit steigender Tendenz nachfragen. Von all diesen Problemen lenkt die deutsche Energiewende ab. Dies führt zu einer symbolische Kompensation und Gewissensberuhigung. Indem die Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung an technische Innovationen delegiert wird, entsteht ein Alibi für Lernresistenzen gemäß dem Motto "Wind und Sonne werden es schon richten. Über Urlaubsreisen und Konsumgewohnheiten muss dann zum Glück nicht mehr gesprochen werden". Weiterhin sind die Probleme der Volatilität von Wind und Sonne, sowie der fehlenden Übertragungsnetze absehbar vollends ungelöst, und zwar sowohl ökologisch also auch ökonomisch. Vor allem aber beruht die Energiewende auf einer mehrfachen Problemverlagerung. Klimaschutz wird gegen Naturschutz ausgespielt. Auch erneuerbare Energieträger sind niemals  zum ökologischen Nulltarif zu haben. Das betrifft nicht nur die Industrialisierung der letzten Landschaften, sondern auch die Ressourcen, welche zur Produktion der Anlagen und zugehörigen Infrastrukturen nötig sind, denken wir an Metalle wie Kupfer und Stahl, aber auch Neodym, Kunststoffe, Beton etc. 

Die Fragen stellte Ralf Stieber, Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Evangelischen Akademie Baden, Karlsruhe, 14. 2. 2017, überarbeitet 10/2018

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