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"Es ist der Strohhalm, der den Rücken des Kamels bricht"

Interview mit Armin Schmidtke über Selbsttötungen und Suizidprävention

Der Psychotherapeut Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Armin Schmidtke ist Seniorprofessor am Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg. Seine Hauptforschungs-Schwerpunkte sind Suizidologie und Suizidprävention, Selbstschädigungen, Imitation und Amok. Von 2002 bis 2016 war er verantwortlich für das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland. Das folgende  Interview entstand anlässlich seines Vortrags über "Suizidprävention" am 11. September 2017 im Lichthof des Evangelischen Oberkirchenrats in Karlsruhe. Schmidtke sprach dort auf Einladung der Evangelischen Landeskirche in Baden, der Evangelischen Akademie Baden und der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW e.V.). 
 
Quelle: Ralf Stieber, Karlsruhe
Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Armin Schmidtke 

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland offiziellen Statistiken zufolge rund 10.000 Menschen das Leben, zehn Mal so viele versuchen es. Was läuft schief, dass so viele Menschen auf den Gedanken kommen, ihr Leben selbst zu beenden?

Armin Schmidtke:

Für Suizide gibt es meist nicht nur einen einzelnen Grund, sondern ein Bündel von Ursachen. Generell kann man sagen, dass die Menschen, die Selbsttötungen planen, oft gar nicht  eigentlich den Tod wollen, sondern nur unter den Bedingungen unter denen sie leben, nicht mehr leben wollen und keine Änderungsmöglichkeit mehr sehen. Das betrifft oft Psychische Krankheiten wie Depressionen, Verlusterlebnisse, wie Partnerverlust, Verlust der Arbeit, schwerwiegende Änderungen der Lebensumständen und vor allem bei älteren Menschen Angst vor Vereinsamung im Alter, finanzielle Probleme, Angst vor entwürdigender Behandlung im Alter und Krankheiten, die mit Schmerzen verbunden sind.

Der letzte Anlass ist für Außenstehende oft gar nicht nachvollziehbar, "es ist der Strohhalm, der den Rücken des Kamels bricht."

Sie zeichneten bis vor kurzem verantwortlich für ein Suizidpräventionsprogramm in Deutschland. Welche Chancen sehen Sie in der Suizid-Prävention?

Armin Schmidtke:

Ich sehe Suizidprävention nicht nur als rein medizinisches bzw. psychiatrisches Anliegen sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Gesellschaft kann an vielen Stellen zur Suizidprävention beitragen, z. B. durch Aufklärung und Entstigmatisierung, Beschränkung oder Verhinderung von Suizidmitteln, Sicherung von sogenannten Hotspots, bessere Ausbildung von Personen, die mit potentiellen Suizidenten zu tun haben, wie Hausärzten, Personen, die in der Altenbetreuung tätig sind, Lehrern, Sportbetreuern etc. und vernünftige Nachbetreuung von Personen, die einen Suizidversuch unternommen hatten sowie der Angehörigen. Es ist uns nach vielen Jahren mit dem Nationalen Suizidpräventionsprogramm gelungen, Suizidprävention in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, suizidales Verhalten zu entstigmatisieren, viele Vorurteile auszuräumen und als Topic in den Bundestag einzubringen. Resultat der Bemühungen war am 23. Juni 2017 die Verabschiedung eines überfraktionellen Antrages der Fraktionen CDU/CSU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN "Suizidprävention weiter stärken – Menschen in Lebenskrisen helfen". Bundestag und Bundesministerium für Gesundheit (BMG) beschlossen, dass in den nächsten Jahren Mittel zur Erforschung suizidpräventiver Maßnahmen zur Verfügung gestellt werden. Insgesamt ist es in den letzten Jahren gelungen, im Vergleich zu den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die Suizidzahlen in Deutschland zu halbieren.

 

Ist es richtig, dass „Selbstmord“ auch in unserer „aufgeklärten“ Gesellschaft eher ein Tabuthema ist?

Armin Schmidtke:

Leider ist Suizid immer noch ein Tabuthema, das ist auf die Geschichte und frühere moralische Beurteilung von Suizid zurückzuführen. Das zeigt auch die deutsche Bezeichnung "Selbstmord", die man nicht verwenden soll, da sich hinter dem Begriff "Mord" ja heimtückisches Verhalten verbirgt. Es sind aber unglückliche Menschen. Die Tabuisierung betrifft am meisten Angehörige, oft wird der Suizid von Angehörigen und Freunden als "Geheimnis" behandelt, Betroffene haben Schuldgefühle und den Menschen wird daher in ihrer Trauer auch nicht richtig geholfen.

 

Was führt eigentlich dazu, dass Menschen in so große seelische Not geraten, dass sie keinen Ausweg mehr sehen? Gibt es Risikofaktoren?

Armin Schmidtke:

Im Einzelfall sind Risikofaktoren natürlich schwer zu festzustellen. Oft "bereiten sich die Personen auf den Suizid vor", ziehen sich buchstäblich vom Leben zurück, trennen sich von alten Gewohnheiten und Freunden, nicht selten werden auch versteckte Andeutungen gemacht. Oft werden diese Warnzeichen aber überhört oder übersehen und nicht wahrgenommen. So zeigen viele Studien, dass in den vier letzten Wochen vor einem Suizid viele spätere Suizidenten ihren Hausarzt aufgesucht haben.

 

Welche Verantwortung tragen die Medien bei der Berichterstattung über Selbsttötungen und Suizidversuche?

Armin Schmidtke:

Die Berichterstattung und die Darstelllung von suizidalem Verhalten in den Medien (sowohl Printmedien, Film und Fernsehen, wie auch in den sozialen Medien), führt sehr häufig zu Imitation suizidalen Verhaltens. Das nennt man "Werthereffekt". Die exzessive Berichterstattung über den Suizid des Torwarts Enke hat z. B. zu einem deutlichen Anstieg von Nachahmungssuiziden mittels der Eisenbahnmethode geführt. Das NaSPro hat daher Empfehlungen für die Presse über Berichterstattung über Suizide herausgegeben. Sorgen macht den Suizidologen im Augenblick die "Verherrlichung" und Darstellung suizidalen Verhaltens in den sozialen Medien, was häufig besonders bei Jugendlichen zur Nachahmung selbstschädigenden und suizidalen Verhaltens oder sogar zur Verabredung von Gruppensuiziden führt.

 

Die Fragen stellte Ralf Stieber, Presse- und Öffentlichkeitsreferent der Evangelischen Akademie Baden